Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen meiner Weihnachtsgeschichte, die ich anlässlich meiner traditionellen Weihnachtslesung 2025 geschrieben habe.
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Alles Liebe
Toby
Noch einmal die Weihnachtsengel sehen
(c) Toby Mayra, 2025, kopieren, vervielfältigen, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Autor.
Friedrich stützte sich mit den Händen auf dem Fensterbrett ab. Schwer waren seine Glieder in den letzten Jahren geworden. Auch wenn seine Haltung verriet, dass er in seinen letzten Lebenstagen angekommen war, ging sein Atem tief und ruhig. Durch hängende Augenlider fiel sein immer noch wacher Blick nach draußen, zum nahen Felde hin, in dem noch immer die Faszination für all das lag, was er sehen konnte.
Es waren die großen, weichen Schneeflocken, die an diesem sonst so trüben Vormittag des Weihnachtstages gerade begonnen hatten, vom Himmel auf die Erde zu fallen, die seine Aufmerksamkeit auf sich zogen und eine stille Freude weckten. Staunend betrachtete er dieses himmlische Schauspiel.
„Noch einmal die Weihnachtsengel sehen, noch einmal ihrer gewahr werden, wie sie, wie die Schneeflocken, durch die Lüfte fliegen. Einmal noch, ein letztes Mal noch”, dachte er ganz bei sich.
Er schmunzelte, denn er wusste: Würden diese Weihnachtsengel noch einmal erscheinen, dann könnte er eine Geschichte erzählen. Es würde eine weitere unter so unendlich vielen Geschichten werden, die er in seinem Leben gesammelt hatte, und die er zu erzählen vermochte. Die er gerne erzählte, weil sie Zeugen seines gelebten Lebens waren.
Jene Geschichten, das wusste er auch, machten ihn aus der Sicht anderer zu einem Spinner, der etwas erzählte, was er niemals erlebt haben konnte. Und doch war er der einzige, der wusste, dass all das der Wahrheit entsprach. Er hatte es gesehen. Seine Gedanken stockten für einen Augenblick: Wäre er vielleicht gar nicht mehr der, der diese Geschichte erzählen konnte? Müsste jemand anderes an seine Stelle treten? Er fühlte, wie sein Atem flacher wurde.
Dann dachte er an die alte Geschichte, die er so oft in der Heiligen Nacht erzählt hatte. Aber der Name der Autorin wollte ihm nicht mehr einfallen. Er wusste nur noch, dass sie einmal in Schweden gelebt hatte, lange Zeit vor ihm. Und dass sie für ihre Werke einmal den Literaturnobelpreis bekommen hatte. Und er erinnerte sich an die kleine Geschichte, die sie von Jesu Geburt erzählt und aufgeschrieben hatte.
Es ging dabei um einen Mann, der auszog, um Feuer zu holen, weil seine Frau gerade ein Kind gebar. Er zog los, aber niemand wollte ihm Feuer geben, und so zog er weiter und weiter und traf schließlich auf eine Schafherde. Aber die Schafe erwachten nicht, als er kam. Selbst dann nicht, als er über sie hinwegschritt. Die Hunde, die der Hirt auf ihn hetzte, konnten weder bellen noch konnten sie ihn beißen. Der Stab, den der Hirt nach ihm warf, flog zwar zischend durch die Luft, wendete sich aber von ihm ab, bevor er ihn traf. Da wunderte sich der mürrische Hirt und gab dem fremden Mann den Rest seiner Glut. Er wunderte sich sehr, dass der Mann die Glut mit bloßen Händen aufnehmen und davontragen konnte. Dann ging dieser Unbarmherzige, der dem Fremden hatte Schaden zufügen wollen, hinter diesem her. Er konnte einfach nicht begreifen, was da vor sich ging. Als sie zur Höhle kamen, sah der Ungläubige, dass hier gerade ein Kind geboren wurde und drohte, zu erfrieren. Da gab der Hirt dem Mann ein Schafsfell aus seinem Rucksack und sagte: Man möge das Kind darauf betten, damit es nicht erfriere. In genau jenem Moment, in dem dieser Mann Barmherzigkeit zeigte, wurden ihm die Augen geöffnet und er sah, was er vorher nicht sehen konnte. Da zeigten sich die Weihnachtsengel, die am Himmel flogen und ihre Freude in die Welt sangen.
Während Friedrich weiter so vor sich hin sinnierte und sich an diese und andere Geschichten erinnerte, wurde er plötzlich aus seinen Gedanken gerissen. Hinter ihm hatte jemand die Tür aufgestoßen und war in sein Zimmer hereingestürmt. Es war Alma, die junge Pflegerin, die sich nun neben ihn an das Fensterbrett stellte. Ihre Fäuste auf das Fensterbrett schlagend und schwer atmend, fiel ihr Blick nun ebenfalls nach draußen auf die Schneeflocken.
„Ich kann nicht mehr. Ich glaube, ich will auch nicht mehr. Es hat wirklich keinen Sinn, was ich auch tue. Sie hören mich einfach nicht. Ich glaube wirklich, sie können mich nicht hören. Ich habe wirklich viel versucht. Aber nein, so ist es nun, sie hören mich nicht.”
Friedrich lauschte seinem unverhofften Besuch sehr genau. Dann wandte er seinen Blick von den Schneeflocken ab. Er betrachtete die Frau neben sich. „Wobei hören sie dir nicht zu?“
Alma atmete mehrmals tief ein und aus, bevor sie zu einer Antwort ansetzte: „Ich glaube, wirklich, die Menschen haben vergessen zu singen. Und wenn ich singe, dann hören sie mich nicht. Aber ich bin doch hierhergekommen, um mit den Menschen zu singen! Natürlich kann ich ihnen ihr Essen bringen, kann sie waschen, kann ihre Decke richten, damit sie einschlafen können. Das ist ja auch alles gut und wichtig, aber das Wichtigste fehlt dabei doch!” Sie atmete ein weiteres Mal tief ein und aus und sprach weiter: „Sie sagen, dass du in deinem Leben viel erlebt hast. Weißt du, warum die Menschen vergessen haben, zu singen?
Friedrich seufzte und wandte sich wieder dem Fenster zu. Sein Blick wanderte in die Ferne.
Alma deutete sein Schweigen als Desinteresse. Fast flehend schob sie ihrer Frage hinterher: „Du erzählst doch Geschichten! Kannst du mir auch eine Geschichte erzählen?“
Friedrich wandte sich erneut von den Schneeflocken ab, stützte sich weiter mit einer Hand auf dem Fensterbrett auf und ließ sich ganz langsam in den Ohrensessel sinken, der direkt neben dem Fenster stand.
„Mir fällt tatsächlich eine Geschichte ein! Ich muss ein wenig in meiner Erinnerung graben, denn ich habe diese Geschichte schon sehr lange nicht mehr erzählt.
Vor sehr, sehr langer Zeit gab es ein Königreich, nicht viel größer als ein Dorf, von einem dichten, undurchdringlichen Wald umgeben. Hier lebten die Menschen in Harmonie mit der Natur. Jeden Morgen ertönte der Gesang der Vögel aus dem Wald, und die Dorfbewohner stimmten mit ein. Doch eines Tages kam ein großer Sturm, der die Bäume, die jahrhundertelang dort gestanden hatten, entwurzelte, die Vögel vertrieb und die Häuser dieses kleinen Königreichs zerstörte.
Die Menschen waren jahrelang damit beschäftigt, zunächst die gröbsten Schäden zu reparieren, dann neue Häuser zu bauen und neue Bäume zu pflanzen.
All die Sorgen dieser Jahre fraßen sich in die Seelen der Menschen. Und obwohl sie mit der Zeit immer schneller im Wiederaufbau vorankamen, merkte niemand, dass der Wald stillblieb und mit ihm die Menschen. Sie hatten über all die Jahre den Gesang der Vögel und damit auch ihren eigenen vergessen.“
An dieser Stelle wurde unser Geschichtenerzähler von seiner Besucherin unterbrochen.
„Das ist eine furchtbare Geschichte. Was bringt es denn, alles aufzubauen, wenn das Entscheidende fehlt?
Friedrich lächelte milde. Er sah die Augen ihm gegenüber, in die das Feuer langsam zurückkehrte. Er spürte Almas tiefen Atem.
„Lass mich nur noch ein Weilchen weitererzählen.“
Und so fuhr er mit seiner Geschichte fort.
„Im Laufe der Jahre verloren diese Menschen nicht nur ihre Lieder, sondern auch die Freude und ihren Zusammenhalt. Eines besonderen Tages aber fand ein Barde den Mut, die Melodie seines Herzens im Palast zu singen. Diese Melodie weckte bei einigen sehr alten Bewohnenden des kleinen Reichs die Erinnerungen an eine andere Zeit. Und sie begannen von dieser Zeit zu erzählen.
Da hörte auch die Königin davon. Sie ließ in alten Schriften forschen und erkannte, dass der Gesang der Vögel die Seele nährt und die Menschen wieder vereinen könnte. Da ihr an nichts mehr als an ihrem Volk gelegen war, erließ sie ein Gesetz, dass alle Menschen wieder singen sollten. Doch viele hatten das Singen so lange vergessen.”
An dieser Stelle wurde der Erzähler ein weiteres Mal unterbrochen und Alma stieß hervor:
„Die Vögel fehlen.“
Friedrich fuhr unbeirrt mit der Erzählung fort.
„Es war der Barde, der immer mehr Mut fasste und seine Melodien sang. Und schließlich begannen die Menschen mit einzustimmen. Erst einer, dann die nächste, dann noch jemand und immer so immer fort. Es brauchte viel Zeit, um die einstige Freude zurückzubringen.
Als sich genug Menschen versammelten und vereinten, um wieder zu singen, da kehrten auch die Vögel in den Wald zurück, stimmten ihr Morgenlied an, und darauf die Menschen das ihre.”
Ein tiefes Gähnen entfuhr Friedrich und er spürte, wie sein Körper schwer und müde im Sessel lag. Alma jedoch wandte sich dem alten Mann zu, legte ihre Arme um seine Schulter und drückte ihre Wange an seine. Dann richtete sie sich auf, lächelte, atmete tief ein und aus und stürmte aus dem Zimmer. Friedrich schloss seine Augen.
Da hörte er, was er vormals hatte sehen können. Denn so drangen die Weihnachtsengel in dieser Heiligen Nacht durch seine Ohren, aus dem Flur eines Altenheims, bis in seine Seele.
Noch einmal die Weihnachtsengel sehen, (c) Toby Mayra, 2025.
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